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Zimmererinnung Dresden
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Das zünftige Reisen



Das zünftige Reisen von Gesellen hat eine uralte, bis ins späte Mittelalter zurück reichende Tradition und hat, mit zeitgemäßen Anpassungen, bei einigen Handwerksberufen, vor allem aus dem Baugewerbe überlebt. Die ReisezeitRückkehr von der Walz beträgt wie eh und je 3 Jahre und einen Tag. Während dieser Zeit darf der reisende Geselle seinen Heimatort im Umkreis von 50 Kilometern -außer bei unabwendbaren Ereignissen, wie Krankheit oder Tod von engsten Familienangehörigen- nicht betreten.


Die Reisezeit ist eine in jeder Beziehung praxisnahe Lebensschule, denn in jeder Firma wird anders gearbeitet, kommt man mit anderen Menschen zusammen und der Wandergeselle muss lernen, mit allen auszukommen. Ein schwieriges Unterfangen ist es auch manchmal, mit wenig Geld auszukommen, denn der Wandergeselle erhält keinen Lohn, er arbeitet ausschließlich für Kost und Logis. Auch wenn es verpönt ist, für das Fortkommen von A nach B Geld auszugeben - man bittet freundlich um Mitnahme - ganz ohne Geld geht es nicht. Also steuert der reisende Geselle diverse Institutionen wie die Rathäuser, die Handwerkskammern und Gewerkschaftssitze an, um Geld zu bekommen.


Auch bei der Kreishandwerkerschaft Dresden klopfen manchmal Wandergesellen an die Tür. Zünftig in ihre Kluft gekleidet, ihr Hab und Gut in ein Tuch geknotet und den Wanderstab, Stenz genannt, in der Hand.  Beim "Schmalmachen", dem zünftigen Vorsprechen, sagen sie ihren Spruch auf, stellen sich und ihren bisherigen Reiseverlauf vor und bekommen ihren Obolus, 10 Euro. In das mitgeführte Wanderbuch, so eine Art "Reisepass", wird die Station eingetragen. In das auch "Tippelbuch" genannte Heft werden tägliche Eintragungen getätigt, so dass es in späteren Zeiten einen großen Erinnerungswert hat.

Die Zünfte
Trotz des Niedergangs der Zünfte überlebten einige Gesellenbruderschaften, bzw. strukturierten sich neu, die heute wieder ihre Gesellen auf Wanderschaft schicken.

I. Vereinigung der rechtschaffenen Fremden Zimmerer- und Schieferdeckergesellen Deutschlands
Diese Zunft ist die älteste, welche den Niedergang der Zünfte überlebt hat. Deshalb hat sie auch heute noch viele Herbergen in Deutschland, in der Schweiz, in Frankreich, Skandinavien, Afrika, USA, Kanada und Australien. Diese Zunft pflegt die alten Riten und Gebräuche.



Die Mitglieder dieser Zunft tragen eine schwarze Ehrbarkeit mit schwarzen Biesen. Die Wanderzeit für die Gesellen beträgt 3 Jahre und einen Tag.

II. Fremder Freiheitsschacht
Dieser Schacht wurde am 1. Mai 1910 in Bern gegründet. Gründungsmitglieder waren der Maurer Hermann Schäfer aus Heidelberg, sowie 22 weitere Maurer-, Zimmerer-, und Dachdeckergesellen. Die fremden Freiheitsbrüder haben nicht nur in Deutschland Herbergen, sondern auch in Europa und in Übersee.
Die Mitglieder tragen eine rote Ehrbarkeit mit roten Biesen und gehen ebenfalls 3 Jahre und einen Tag auf Wanderschaft.

III. Rolandschacht.
Der Rolandschacht ist eine reformierte Zunft, die um 1880 mit den Gesetzen der ältesten Zunft uneinig war. Im Mai 1891 wurde der Rolandschacht von Bremer Maurern gegründet. Gründungsort war allerdings Nürnberg. In dieser Zunft sind alle Bauberufe gleichberechtigt vereinigt. Der Rolandschacht wurde nach dem Bremer Roland benannt, welcher in früherer Zeit ein Symbol für Recht und Freiheit war.



Die Mitglieder, welche auch heute noch Maurer, Dachdecker, Steinmetze, Bautischler, Betonbauer und Steinsetzer sind, tragen eine blaue Ehrbarkeit mit blauen Biesen. Auch hier müssen die Gesellen 3 Jahre und einen Tag auf die Walz.



Der Wahlspruch der Rolandsbrüder lautet: Treue, Freundschaft, Brüderlichkeit.

IV. Freie Vogtländer Deutschlands
Die Vogtländer organisierten sich 1908 (1910?) in einem eigenen Schacht. Aus ihnen entstanden später viele Gesellenschaften, die sich von den Zünften lossagten und schließlich die freien Vogtländer bildeten.
Zuerst trugen die Mitglieder keine Ehrbarkeit, doch 1920 erklärten sie ein goldenes Wappenemblem mit den Buchstaben FVD zu ihrer Ehrbarkeit. Diese tragen sie im eingeschlagenen Hemd auf der Brust.



Die freien Vogtländer haben in Hannover ein eigenes Zunfthaus, welches auch als Herberge dient. Außerdem führen sie dort Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen durch. Die Gesellen müssen bei dieser Zunft nur 2 Jahre und einen Tag wandern.



V. Freier Begegnungsschacht.
Der freie Begegnungsschacht wurde 1986 gegründet. Eine Besonderheit ist, dass hier auch Gesellen und Gesellinnen auf Wanderschaft gehen dürfen, die nicht zum Bau- oder Holzhandwerk gehören. Die Farbe der Ehrbarkeit ist hier grau, weshalb sie auch Elefant genannt wird. Dieser Elefant taucht auch im Schachtsymbol neben Zirkel, Winkel, Lot und geschlossener Bruderhand auf. Auf Wanderschaft gegangen wird hier drei Jahre und einen Tag.
Der freie Begegnungsschacht nimmt auch Frauen auf.

VI. Axt und Kelle
Axt und Kelle wurde 1979 gegründet. Er nimmt ebenfalls Frauen auf und erlaubt den Mitgliedern außerdem, in Gruppen zu wandern. Die Mitglieder tragen keine Ehrbarkeit, sondern einen Ohrring mit den Insignien des Schachtes. Gewandert wird hier zwei Jahre und einen Tag.


Utensilien bei der Wanderschaft:

Der Charlottenburger

Der Charlottenburger wird auch Berliner genannt. Hierbei handelt es sich um ein großes Tuch (ca. 88 cm x 8 8cm), welches mit Bildern der Zunft oder auch mit Reklame der Zunftschneider bedruckt ist.



Der reisende Geselle packt sein gesamtes Hab und Gut in ein Bündel, welches in dieses Tuch eingeknotet wird. Dazu bedarf es einer speziellen Technik, wonach das Bündel, wenn es akkurat geschnürt wurde, eine 30 cm dicke und 70 cm lange Wurst ergibt. Dieses Bündel selbst wird dann auch Charlottenburger genannt.



Normalerweise beinhaltet dieser Charlottenburger das Arbeitszeug, die Unterwäsche und Hemden des Gesellen, sowie auch sein Werkzeug, sein Waschzeug und sein Schuhzeug.

Der Stenz

Ein weiteres wichtiges Utensil ist der Stenz. Hierbei handelt es sich um einen Wanderstab, der eine sehr eigentümliche Form hat. Der Stenz ist nämlich ein Stock, um den spiralförmig Schlingpflanzen (z.B. Hopfen) eingewachsen waren. Diese werden vom Stock entfernt, das Ergebnis ist eine Art gewundener Wanderstab.



Der Stenz wird auch bei Ritualen eingesetzt. Außerdem gibt es einen bestimmten Rhythmus, in dem beim Wandern mit dem Stenz auf den Boden getickt wird.

Das Wanderbuch

Schließlich hat jeder Wandergeselle ein Wanderbuch. Dieses Wanderbuch wird vom C.C.E.G. herausgegeben und ist in vier Sprachen verfasst Das Wanderbuch dokumentiert alle Arbeitsstellen des Gesellen, die er während seiner Wanderjahre gehabt hat. Auch notiert er darin seine Reisetage. Falls er Unterstützungsgelder erhalten hat, so wird auch dieses hier vermerkt.
Die Ohrringe

Die von den Wandergesellen getragenen Ohrringe sind seit dem 19. Jahrhundert als Kennzeichen der Zunftzugehörigkeit belegt. Im Notfall konnten durch Verkauf auch finanzielle Engpässe, zum Beispiel bei vorübergehender Arbeitslosigkeit, überbrückt werden. Hatte sich ein Geselle unehrenhaft verhalten, wurde dieser zum Schlitzohr gemacht: der Ohrring wurde ihm ausgerissen.